Großer Mann mit großem Herz

Io Vendo: Osa Louis Enehiezena Ihama

02. April 2026

Eine künstlerische Ader, Liebe zur Natur und der Wunsch zu helfen: Das brachte Louis mit, als er vor elf Jahren nach Südtirol kam. Eine Reise auf der Suche nach etwas, das einfach klingt und doch schwer zu finden ist: ein Ort, den man Zuhause nennen kann.

Die Weinberge von Kaltern. Hier habe ich angefangen zu arbeiten, als ich nach Südtirol kam. Ein Mann sprach mich auf der Straße an, gab mir diesen Job und wurde zu einem Freund für mich. Wir pflegten die Reben, ernteten die Früchte und bedienten die Maschinen. Da ich auf einer Farm aufgewachsen bin, zwischen Hühnern und Feldern, liebte ich die Arbeit mit den Trauben, draußen an der frischen Luft. Nach der Arbeit ging ich oft in den Wald, setzte mich hin und genoss die Stille der Natur. Auch heute noch, nach meinen Schichten im Supermarkt, wo ich seit drei Jahren tätig bin, setze ich mich gerne zu einem Wasserfall, statt direkt nach Hause zu gehen.

Zuhause. Ein starkes Wort. In Meran lebe ich derzeit in der Wohnung eines Freundes, schlafe auf seinem Boden. Die Suche nach einer Unterkunft begleitet mich seit vielen Jahren: vorübergehende Lösungen, mein Name auf endlosen Wartelisten für sozialen Wohnraum, eine Odyssee auf der Suche nach einem Ort, den ich mein Zuhause nennen darf. Den Tiefpunkt erlebte ich während Corona. Plötzlich verlor ich meine damalige Arbeit. Die Kundschaft war weg und mein Vertrag konnte nicht verlängert werden. Gleichzeitig musste ich die Notunterkunft verlassen und meine Mutter starb – in Nigeria, Tausende Kilometer entfernt von mir.

Diese Zeit hat mich beinahe gebrochen. Ich war ohne Arbeit, ohne Wohnung, auf der Straße. Wenn man obdachlos ist, gerät man leicht unter Menschen, die einem nicht guttun. Sie streifen durch Parks, verkaufen Drogen, konsumieren. Und sehr schnell, wenn man nicht aufpasst, wird man einer von ihnen. Manche bleiben sogar trotz Anstellung auf der Straße, weil sie keine Wohnung finden. Hin und wieder koche ich für sie und bringe ihnen zu essen. Ich weiß, dass keiner von ihnen hierherkam, um so zu leben. Wie ich sind sie gekommen, um sich ein besseres Leben aufzubauen. Und dann, nach einigen Jahren, finden sie sich plötzlich auf der Straße wieder, mit zerschmetterten Erwartungen.

Ich war noch ein Teenager, als ich mein Zuhause in Benin verließ, im nigerianischen Bundesstaat Edo. Meine Kindheit verbrachte ich in einer Zone, die für Kunsthandwerk bekannt ist. Dort entstehen Bronzefiguren, wie jene die ich um den Hals trage. Sie zeigt Idia, eine Kriegerin, die aus derselben Region stammt wie ich und mutig für sie gekämpft hat. In Nigeria ist sie berühmt und ihr Abbild hat für uns große Bedeutung. Kunst muss immer bedeutungsvoll sein und man muss seine ganze Seele in ihre Entstehung legen.Ich weiß, wie man solche Skulpturen anfertigt. Mein Stiefvater hat es mir gezeigt. Es ist auch sein Name, den ich heute trage. Meinen biologischen Vater habe ich nie gekannt. Er war geschäftlich in Nigeria und lernte meine Mutter kennen, als sie ihm Brot verkaufte. Danach verschwand er für immer. In der Schule wurde ich deshalb von den anderen Kindern Bastard genannt. „Geh und such deinen Vater“, spotteten sie. Und ich tat es. Selbst nachdem ich erwachsener Mann nach Europa kam, suchte ich weiter und zeigte der Polizei sein Foto. Doch er war nirgends zu finden. Irgendwann wurde mir klar, dass ich loslassen muss. Hier in Meran will ich mir ein eigenes Leben aufbauen. Dies ist nun mein Zuhause. Ich möchte eine Familie gründen, bevor ich alt werde. Ich möchte endlich eine Wohnung haben, einen Ort, an dem ich sein kann. Ich möchte heiraten, Kinder haben und als Vater immer für sie da sein.

Notiert von Matthias Fleischmann, Zebra Redaktion

Foto: Anna May


 


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