Hüter der vergessenen Stimmen
Claudia Bellasi und Markus Steiner Ender
Im Sommer 2026 von Eva Pföstl
„Die Geschichten gehören allen“
Es war ein Frühling der besonderen Art für die Meraner Filmemacher Claudia Bellasi und Markus Steiner Ender. Ihr Dokumentarfilm The Guardian of Stories reiste durch die Welt – vom Cambodia International Film Festival über das Massachusetts Independent Film Festival und das Nepal International Film Festival bis nach Dhaka, wo der Film mit dem Preis für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde. Den krönenden Abschluss dieser Festivalreise bildete die Europapremiere beim Bolzano Film Festival Bozen. Der Film begleitet den jungen Geschichtenerzähler Siphai Thammavong auf seiner Reise zu den letzten Hüter:innen der traditionellen Erzählkunst in Laos und dokumentiert seinen Versuch, dieses immaterielle Erbe vor dem
Vergessen zu bewahren. Entstanden in Zusammenarbeit mit der Figurentheatergruppe Khao Niew Lao aus Vientiane, wurden zwei der gesammelten Geschichten auch szenisch umgesetzt – als Bühnenadaptionen mit Puppen und Objekten aus lokalen Naturmaterialien.
Wir haben Claudia Bellasi und Markus Steiner Ender um ein Interview gebeten und mit ihnen über ihre Arbeit, ihre Leidenschaft für den Dokumentarfilm und die Kraft von Geschichten gesprochen, die fast schon verloren wären.
Wie seid ihr zum Dokumentarfilm gekommen, war das eine bewusste Entscheidung oder eher ein schrittweiser Prozess?
Die Idee entstand nach einer fünfmonatigen Reise durch Südostasien 2022/23. In Laos begegneten wir dem Geschichtenerzähler Siphai Thammavong – eine Begegnung, die uns tief berührt hat. In Laos werden Mythen und Traditionen fast ausschließlich mündlich weitergegeben, von Generation zu Generation. Ein flüchtiges Erbe: Mit dem Tod der Älteren drohen ganze Erzählwelten zu verschwinden. Siphai kämpft dagegen an und bat uns, ihn in die Dörfer zu begleiten, um dieses Erbe zu dokumentieren. Denn auf institutioneller Ebene kümmert sich niemand darum. Seine Mission deckt sich mit unserer, nämlich künstlerische und kulturelle Ausdrucksformen in all ihrer Vielfalt zu dokumentieren und zu teilen.
Was bedeutet es für euch, gemeinsam zu arbeiten, wie teilt ihr euch Rollen und Verantwortung auf?
Zusammenarbeiten ist Freude und Herausforderung zugleich. Wir sind sehr unterschiedlich, ergänzen uns aber gut. Claudia recherchiert und schreibt, verwurzelt in Theater, Zirkus und Figurentheater. Markus bringt technisches Know-how, ein Auge für Bilder und solides Fachwissen im Ton. Was uns verbindet: gemeinsame Interessen und ein geteilter Sinn für Humor, der uns auch in schwierigen Momenten trägt. Konflikte sehen wir als kreativen Akt – aus dem Aufeinanderprallen von Ideen entstehen oft die besten Einsichten. Als EinFrauEinMann-Team drehen wir nahezu vollständig autonom. Das gibt uns Freiheit.
Was fasziniert euch am Dokumentarfilm, was kann dieses Format, was andere nicht können?
Was uns fasziniert, ist die Unmittelbarkeit des Echten. Keine erfundenen Figuren, kein starres Skript – nur Menschen, die leben, leiden und lieben. Der entscheidende Moment ist, wenn das Vertrauen so gewachsen ist, dass die Kamera aufhört, eine Kamera zu sein. Dann entsteht echte Nähe, ungefiltert und ungestellt. Dazu kommt: Ein Dokumentarfilm ist schon in seiner Entstehung ein Abenteuer. Man folgt dem Leben, lässt sich führen. Am Ende verlangt das Material selbst nach seiner Geschichte – der Schneidetisch wird zum eigentlichen Erzähler. Das ist die Magie des Dokumentarfilms.
Dokumentarfilm bedeutet immer auch, mit echten Menschen und echten Geschichten umzugehen. Wie geht ihr mit dieser Verantwortung um?
Die Grundlage ist Vertrauen – und das lässt sich nicht abkürzen. Es wächst durch gemeinsam verbrachte Zeit, durch Gespräche, durch Anwesenheit. Die Kamera kommt erst danach.
Eineinhalb Monate begleiteten wir Siphai eng – in seinem Alltag in Luang Prabang, dann auf seiner Reise in die Dörfer. Er und seine Familie empfingen uns mit großer Herzlichkeit. Mit der Figurentheaterkompanie Khao Niew Lao verbindet uns bis heute eine Freundschaft. Es war eine außergewöhnliche Erfahrung und eine wahre Ehre, Zeit mit Menschen einer so anderen Kultur zu verbringen. Für uns sind Empathie und transparente Kommunikation die Schlüssel, auch über verschiedene Kulturen und Lebensweisen hinweg.
Ihr seid in Südtirol verwurzelt und dreht gleichzeitig in der ganzen Welt, wie prägt dieser Kontrast eure Arbeit?
Südtirol ist Heimat und Ruhepol – ein Wohlstand, den man leicht als selbstverständlich nimmt. Bis man aufbricht. Draußen begegnen wir Menschen, deren Leben ungleich schwieriger ist – und die uns trotzdem alles geben: ihr Vertrauen, ihre Geschichte, ihre Herzlichkeit. Das zeigt uns jedes Mal neu, wie viel wir haben und wie viel Verantwortung damit verbunden ist. Südtirol gibt uns die Stabilität, von der aus wir aufbrechen. Die Welt da draußen gibt uns die Demut, mit der wir zurückkehren.
Was braucht es eurer Meinung nach, um als Filmschaffende in Südtirol arbeiten zu können?
Als Quereinsteiger sprechen wir nur für uns: Wir haben den Film vollständig unabhängig realisiert – bewusst ohne Förderanträge. Wir wollten dem kreativen Rhythmus folgen, nicht dem der Bürokratie. In Südtirol mag das ungewöhnlich sein. Möglich wurde es dank privater Sponsoren, die an unser Projekt geglaubt haben.