Schweizer Psychiatrie und italienisches Modell?

19. September 2024

Die Schweiz hat die höchste Psychiaterdichte der Welt. Dort arbeiten ungefähr 50 Fachärzte auf 10.000 Einwohner. In Frankreich sind es 23, in Deutschland 22, in Österreich 19, in Italien 17. In Bulgarien sind es gerade 8.

Die Schweizer Psychiater versammeln sich jährlich in Bern zu ihrem nationalen Kongress und beraten, wie sie ihre Betreuung weiter verbessern können. Heuer haben sie sich am 12.9.24 das Thema „Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Berufsgruppen“ gestellt. Um es im internationalen Vergleich zu behandeln, wurden die Präsidenten der Psychiatriegesellschaften Österreichs, Deutschlands und Frankreichs dazu eingeladen. Italien wurde durch Dr. Roger Pycha, Primar der Psychiatrie Brixen und Lehrtherapeut des Systemischen Institutes Bozen, vertreten. In der Diskussion wurde klar, dass die Betreuung psychisch Kranker in Europa sehr unterschiedlich erfolgt und man viel voneinander lernen kann. Einheitlich entsteht überall in Europa ein höherer Bedarf an Behandlung und Begleitung. Die Anzahl der Patienten hat in der Coronakrise um durchschnittlich 20 bis 30 Prozent zugenommen, in besonderer Weise bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, besonders intensiv durch Vermehrung der Depressionen, Angststörungen und Essstörungen. Offensichtlich ist die Häufigkeit und Intensität der Störungen 2 Jahre nach der Krise noch nicht wesentlich zurückgegangen, was die psychiatrische Betreuung überall sehr herausfordert. Auf diesem Hintergrund sucht die Schweiz nach Auswegen, um den Mangel an Psychiatern und Kinderpsychiatern auszugleichen.

Frankreich geht diesbezüglich neue Wege und bildet seit Kurzem Pfleger aus, die auch Medikamente, und in besonderem Maße Psychopharmaka verschreiben und verabreichen dürfen. Das entlastet die Ärzte und verbessert die Versorgungssituation. Mehr Patienten erhalten Zugang zu geeigneter Behandlung.

Besondere Aufmerksamkeit erhielt aber das italienische Modell, das auch Österreich und Deutschland inzwischen teilweise als Vorbild dient. In Italien fand 1987 mit der Psychiatriereform von Franco Basaglia ein komplettes Umdenken statt. Die Krankenhausaufnahmen wurden nur mehr für extrem kurze Zeit und in extrem schwierigen Fällen möglich. Heute hat Italien nur 0,97 Psychiatriebetten auf 10.000 Einwohner, in Südtirol sind es immerhin 1,4. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt für eine geeignete Versorgung hingegen 5 Psychiatriebetten auf 10.000 Einwohner, also deutlich viel mehr. Dadurch wird es psychisch Kranken in Italien kaum möglich, im Krankenhaus behandelt zu werden. Dafür wird in Italien seit der Reform alles auf ambulante Behandlung gesetzt. In den Zentren psychischer Gesundheit, die ein Einzugsgebiet von 50.000 bis 100.000 Einwohner betreuen, arbeiten psychiatrische Pfleger, Fachärzte, Psychologen, Sozialassistenten, Ergotherapeuten und Fachkräfte der Rehabilitation eng zusammen. Sie wollen psychischen, sozialen und körperlichen Bedürfnissen der Erkrankten nachkommen, ohne sie aus ihrem familiären Milieu zu entfernen. Italienische Psychiater delegieren anderen Fachleuten seit Langem viele besondere Aufgaben, und haben mehr die Rolle der Koordinatoren des Geschehens.  Auch der Umstand, dass man in Italien in 4 Jahren Psychiater werden kann, während die Fachausbildung anderswo ein bis zwei Jahre länger dauert, lässt Italien augenblicklich ohne Psychiatermangel dastehen – freilich beim einer eher geringen Psychiaterdichte und stark gepflegter Aufgabenteilung mit anderen Berufsbildern. Die Schweizer Kollegen befürchten, das italienische Modell könnte hierarchische Schwierigkeiten bergen.

Die Hauptschwierigkeit aber erleben die Familien der psychisch Kranken. Sie kommen in Italien ganz besonders stark zum Handkuss, sind schwer belastet. Wie aus einer Studie hervorgeht,  fühlen sich 97% der Angehörigen schizophren Erkrankter in Italien alleingelassen, 83% depressiv, 73% haben ihre Hobbys aufgegeben und 68% haben keinen Urlaub mehr gemacht. Das ist ganz eindeutig die Kehrseite eines Versorgungssytems, das ganz radikal den Grundsatz „ambulant vor stationär“ lebt.

Pycha Dr. Roger

Foto: Von rechts nach links Christian Korbel, Präsident der österreichischen Psychiatriegesellschaft, Thomas Pollmächer, Präsident der deutschen Fachgesellschaft,  Fulvia Rota, seine Schweizer Kollegin, Pierre Michel Llorca, ihren französischen Kollegen und Roger Pycha als Vertreter Italiens ,

 


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